Kapitel
DDR-Flüchtlinge

DDR-Flüchtlinge – Neuanfang im Westen

Mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg in Europa. Die Siegermächte USA, Großbritannien, Frankreich und die Sowjetunion besetzten Deutschland, übernahmen die Herrschaft und teilten das Land in vier Zonen. Zwischen Ost und West verhärteten sich die Fronten zunehmend, so dass es 1949 zur Entstehung von zwei deutschen Teilstaaten kam. 

Von der SBZ zur DDR

Die Westmächte festigten ihre Zonen wirtschaftlich und politisch. Mit der Währungsreform 1948 und dem Marshall-Plan wurden günstige Voraussetzungen für die Entwicklung der Wirtschaft geschaffen. Als im Mai 1949 die Delegierten der Länderparlamente in Bonn das Grundgesetz verabschiedeten, legten sie den Grundstein für die freiheitlich-demokratische Bundesrepublik Deutschland. In der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) entstand eine Diktatur nach sowjetischem Vorbild.[1] Verstaatlichung und Planwirtschaft kennzeichneten das Wirtschaftssystem, politische Parteien und Verbände mussten sich dem Führungsanspruch der SED unterordnen,  Regimegegner wurden verfolgt. Die im Oktober 1949 gegründete Deutsche Demokratische Republik war nur dem Namen nach eine Demokratie.[2]

Aus der Landesfilmsammlung Baden-Württemberg:
Two Cities - Zwei Städte, Stuart Schulberg, D 1949.
Ein Propagandafilm der amerikanischen Militärregierung, der die beiden Städte Dresden und Stuttgart vergleicht und den beginnenden Kalten Krieg eindrücklich dokumentiert.

Arbeiter- und Bauernstaat

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Wahlplakat der Partei SED mit der Aufschrift "Dem Sozialismus gehört die Zukunft!"

BArch, Plak 100 - SBZ/DDR-Plakate, Horst Naumann

Der Rückhalt des SED-Regimes in der Bevölkerung war von Anfang an nicht groß. Nach Beginn des Kalten Krieges und der Staatsgründungen von BRD und DDR wurden die Ostdeutschen zunehmend auf SED-Kurs getrimmt.  Der „deutsche Weg zum Sozialismus“ und die erhofften Grundsätze und Ziele einer antifaschistisch-demokratischen Ordnung waren zum Scheitern verurteilt. Undemokratische Maßnahmen wurden damit gerechtfertigt,  dass der Aufbau einer neuen Gesellschaftsordnung nicht im Selbstlauf geschehen könnte, sondern zentral gesteuert verlaufen müsse. Parteidisziplin wurde großgeschrieben und abweichende politische Vorstellungen als bürgerliche Rückstände im Denken diskreditiert.[3]

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„IV.Parteitag der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, Berlin, Werner-Seelenbinder-Halle UBz: Der Vorsitzende des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, Wilhelm Pieck (re.) und der 1. Sekretär des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, Walter Ulbricht, (li.) im Präsidium am 30.März 1954

BArch, Bild 183-24000-0076 / Walter Heilig

Die Parteiführung der SED reklamierte das Wahrheitsmonopol für sich. Propaganda für die Planwirtschaft, Polemik gegen die westdeutschen Imperialisten und Ausrichtung auf die Prinzipien des „Sozialistischen Realismus“ waren Merkmale der neuen Orientierung.

„Jetzt kommt die Zeit der Erfolge“ hatte Walter Ulbricht (1893-1973), der mächtigste Politiker im Staat, schon im Jahr 1949 gesagt.[4] Das war nicht nur eine politische Auffassung, das wurde auch zur Grundlegung einer Ästhetik der Konfliktfreiheit, zu einem Widerspruch in sich, verurteilt zur Erfolglosigkeit. Diese Grundauffassung blieb gültig bis zum Ende der DDR: Das Gewollte wurde für das Erreichte ausgegeben.

Volksaufstand vom 17. Juni 1953

Der planmäßige Aufbau des Sozialismus führte zu gravierenden wirtschaftlichen Problemen und war von weitreichender Unterdrückung begleitet. 1953 wurden Forderungen nach Gerechtigkeit, Meinungsfreiheit und freien Wahlen laut. Am 17. Juni 1953 kam es zum Volksaufstand, der neben Ostberlin die ganze DDR erfasste und die wahren Gefühle der arbeitenden Bevölkerung der DDR deutlich zum Ausdruck brachte. Sowjetische Truppen schlugen ihn nieder. Das parteiamtliche Wunschbild von der „sozialistischen Menschengemeinschaft“ zerbrach endgültig.

"Manfred Stolpe war am 17. Juni 1953 noch Schüler. Er beschreibt, welche Wirkung die Niederschlagung des Volksaufstandes auf die Menschen in der DDR hatte."<br />
Eingebunden aus www.zeitzeugen-portal.de, mit freundlicher Genehmigung der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.

„Der Sozialismus siegt“, diese Zielsetzung des V. Parteitags der SED von 1958 prägte alle Lebensbereiche der DDR. Die Beschlüsse des Parteitags bestimmten den Alltag der Ostdeutschen, sie erfassten den privaten Lebensbereich: Jugendorganisation, Kollektivierung der Landwirtschaft, Chemieprogramm. Auf Protest und Widerstand reagierte das SED-Regime mit Repression und Verhaftungen. Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS, Kurzform Stasi) rekrutierte eine Vielzahl inoffizieller Mitarbeiter aus allen Bevölkerungskreisen als Spitzel, die ihre Familie, Nachbarn, Arbeitskollegen u.a. ausspionierten.[5]

Vor dem Hintergrund der existierenden Systemkonkurrenz machten sich immer mehr DDR-Bürger auf, um in den Westen zu übersiedeln. Bis 1961 waren es 2,7 Millionen, fast ein Sechstel der Bevölkerung. In der BRD wurden  Flüchtlinge aus der DDR auf der Basis eines langwierigen Notaufnahmeverfahrens als deutsche Staatsbürger aufgenommen.

Der immer stärkeren Anziehungskraft der Bundesrepublik Deutschland folgten vor allem Angehörige des Mittelstands und aus dem Bürgertum. Sie waren dem SED-Regime gegenüber am negativsten eingestellt. Manchem, der in der DDR blieb, wurde dadurch eine relativ gute Karriere ermöglicht, standen doch die Eliten, die den Weg nach oben blockiert hätten, nun nicht mehr im Wege.

Mauerbau 13. August 1961

Um die Massenflucht aus der DDR zu beenden, wurde die letzte noch bestehende Fluchtmöglichkeit über die offene Sektorengrenze im geteilten Berlin geschlossen. Zwar hatte Walter Ulbricht noch am 15. Juni 1961 auf einer Pressekonferenz behauptet:  „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“.

REDE VON DDR-STAATSRATSVORSITZENDEN WALTER ULBRICHT AM 15. JUNI 1961: „Ich verstehe Ihre Frage so: Dass es Menschen in Westdeutschland gibt, die wünschen, dass wir die Bauarbeiter der Hauptstadt der DDR mobilisieren, um eine Mauer aufzurichten, ja? Eh, mir ist nicht bekannt, dass eine solche Absicht besteht, da sich die Bauarbeiter in der Hauptstadt hauptsächlich mit Wohnungsbau beschäftigen und ihre Arbeitskraft voll eingesetzt wird. Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“

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ADN-ZB/Junge, 14.8.1961.
Sicherung der Staatsgrenze der DDR zu Westberlin und zur DDR am 13.8.1961. Angehörige der Kampfgruppe auf der westlichen Seite des Brandenburger Tores am 14.8.1961.

Doch das Gegenteil war der Fall. Im Einvernehmen mit der sowjetischen Staats- und Parteispitze wurden die Straßen, Verbindungswege und der öffentliche Nahverkehr entlang der 60 km langen innerstädtischen Grenze und dem Außenring West-Berlins am Sonntag, 13. August 1961 gesperrt. Tage später begann der eigentliche Mauerbau, den Erich Honecker (1912 – 1994) plante und überwachte. Bis an sein Lebensende verteidigte er die Berliner Mauer als notwendigen „antifaschistischen Schutzwall“.[6]

"Ingrid Taegner lebte mit ihrer Familie in Ost-Berlin. Der Mauerbau kam für sie völlig unerwartet. Im Video erinnert sie sich an den 13. August 1961." Eingebunden aus www.zeitzeugen-portal.de, mit freundlicher Genehmigung der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.
"Der damals elfjährige Schüler Hubert Lampe lebte mit seiner Familie im DDR-Sperrgebiet. Nach der Schließung der innerdeutschen Grenze am 13. August 1961, wurden den Bewohnern zahlreiche Restriktionen auferlegt. Als Arzt erhielt Lampes Vater eine gesonderte „Bewegungsfreiheit“ im Sperrgebiet, bekam aber auch alsbald die ersten Grenztoten zu sehen." Eingebunden aus www.zeitzeugen-portal.de, mit freundlicher Genehmigung der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.
"Günter Ganßauge, damals Volkspolizist, rechtfertigt den Bau der Mauer aus ideologischer Sicht." Eingebunden aus www.zeitzeugen-portal.de, mit freundlicher Genehmigung der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.

Tausende DDR-Bürger versuchten, die Grenzanlagen zu überwinden, denn in den Anfangsjahren war die Mauer noch kein hermetisch abgeriegeltes Bollwerk. Bis Ende 1961  gelangten über 50.000 Flüchtlinge über die undichten Absperrungen in den Westen. Viele wurden festgenommen, verletzt oder getötet. Mindestens 138 Menschen starben zwischen 1961 bis 1989 bei Fluchtversuchen an der Berliner Mauer. Etwa 75.000 Fluchtversuche scheiterten im gleichen Zeitraum.[7]

Ein beliebter Fluchtweg führte anfangs über die weitverzweigte Kanalisation. Spektakulär auch die Flucht durch einen Tunnel, der von Fluchthelfern in Westberlin gegraben wurde und 29 Menschen zur Flucht aus der DDR verhalf.

Eiszeit und Tauwetter

Nach dem Mauerbau versuchte das SED-Regime die sozialistische Planwirtschaft zu reformieren. Nach Walter Ulbrichts Absetzung verkündete Erich Honecker auf dem VIII. Parteitag der SED 1971 das Programm der „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ mit dem Versprechen, den Lebensstandard zu verbessern. Diese Pläne scheiterten an den rückständigen Produktionsbedingungen und der maroden Wirtschaftssubstanz. Viele Ostdeutsche versuchten, sich dem umfassenden Zugriff von Staat und Partei durch eine möglichst individuelle Freizeitgestaltung zu entziehen.[8]

Ab 1964 begann die Bundesrepublik politische Häftlinge der DDR freizukaufen, die Haftstrafen wurden ausgesetzt und die Häftlinge meist in den Westen entlassen. Dafür verhandelten die Bonner Politiker mit den Verhandlungspartnern in Ost-Berlin und zahlten Devisen oder lieferten Waren.

FILMTIPP

Die Kinder von Golzow

Das filmische Langzeitprojekt „Die Kinder von Golzow“ von Winfried und Barbara Junge – 1961 begonnen, 2007 beendet – dokumentiert eine Landschulklasse aus Golzow (Oderbruch) mit unterschiedlichen Lebensläufen von 18 ehemaligen Schülern. Golzow wurde zum Vorzeigedorf, einzelne Filme den Diplomaten aus aller Herren Länder vorgeführt, Erich Honecker kam sogar mit dem nordkoreanischen Diktator Kim Il Sung. Die Einzelporträts zeigen den „gewöhnlichen Sozialismus“ in der DDR, und sie werden zu Zeugen des deutschen Vereinigungsprozesses, der sich in den Einzelschicksalen und Lebensgeschichten nach 1989 spiegelt.

FILMTIPP

Der Wittstock-Zyklus 1975-1997

Die Wittstock-Filme von Volker Koepp begleiten die Chronik Ostdeutschlands von den 1970er bis in die 1990er Jahre, skeptisch, jenseits jeder Illusion, dokumentieren sie den unaufhaltsamen Niedergang der DDR und später ohne jede Wehleidigkeit, aber nicht minder kritisch, die deutsche Vereinigung, den Übergang zur Marktwirtschaf , die Abwicklung von Betrieben, die Brüche in der Biografie vieler Menschen.

 

Die Reformpolitik Michail Gorbatschows  gab 1985 den oppositionellen Kräften im Ostblock starken Auftrieb, auch in der DDR, deren Machthaber Gorbatschows Reformideen ablehnten.[9] Zur Unzufriedenheit der Ostdeutschen mit den wirtschaftlichen Verhältnissen kam die Frustration über den politischen Stillstand. Nicht nur die Zahl der Ausreiseanträge stieg an, auch der offene Protest nahm zu. Als die Sowjetunion unter Gorbatschow es nicht mehr für möglich oder ratsam hielt, die Besatzung in der DDR aufrechtzuerhalten, war das SED-Regime nicht länger Herr der Lage. Am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer.

"Günter Ganßauge, damals Oberstleutnant der NVA, wirft Günter Schabowski vor, nicht nachgedacht zu haben, als dieser am 9. November 1989 bei einer Pressekonferenz en passant die Maueröffnung auslöste. Allein die angerichteten Schäden am Brandenburger Tor seien in die Millionen gegangen." Eingebunden aus www.zeitzeugen-portal.de, mit freundlicher Genehmigung der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.

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ADN-ZB / Lochmann / 22.12.89 /Berlin: Brandenburger Tor.
Tausende auf beiden Seiten des Brandenburger Tores feierten die Öffnung des neuen Grenzüberganges am zweihundertjährigen Berliner Wahrzeichen. die mit einem Händedruck der beiden deutschen Regierungschefs besiegelt wurde.

[1] Richard J. Evans, Zwei deutsche Diktaturen im 20. Jahrhundert?  http://bpb.de/geschichte/nationalsozialismus/dossier-nationalsozialismus/39640

[2] Unsere Geschichte – Deutschland seit 1945, hrsg. v. Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hg.), Bonn 2012.

[3] Informationen zu Ereignissen und Themen der SED-Diktatur und deutschen Teilung bietet die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur:https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/

[4] „Ulbricht, Walter“ in Munzinger Online/Personen – Internationales Biographisches Archiv, URL: http://www.munzinger.de/document/00000001759

[5] http://www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte/stasi/218940/geschichte

[6] „Honecker, Erich“ in Munzinger Online/Personen – Internationales Biographisches Archiv, URL: http://www.munzinger.de/document/00000005892

[7] https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/flucht-fluchthilfe-freikauf-4781.html

[8] Das Zeitgeschichtliche Forum in Leipzig präsentiert die Geschichte von Teilung und Einheit, Diktatur und Widerstand, auch die Alltagskultur in der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR https://www.hdg.de/zeitgeschichtliches-forum

[9] „Gorbatschow, Michail S.“ in Munzinger Online/Personen – Internationales Biographisches Archiv, URL: http://www.munzinger.de/document/00000015460

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